Zusammen mit Peter Moore ist Tinker wohl der Godfather des Sneaker-Designs bei Nike. Hatfield begann 1981 bei Nike in Portland, Oregon, zu arbeiten. Zuvor hatte er an der University of Oregon Architektur studiert. Tinker erkannte, dass sich sein Hintergrund in der Architektur für das Schuhdesign nutzen ließ, und wechselte 1985 in diese Abteilung bei Nike. Einer seiner ersten Schuhentwürfe, die zum Leben erweckt wurden, war ein Crosstrainer, der für mehrere Sportarten wie Basketball, Aerobic, Gewichtheben und Joggen gedacht war. Der große revolutionäre Durchbruch kam, als Tinker die Air Unit in einem Schuh sichtbar machte.

Nike hatte in Amerika bereits einen großen Marktanteil erobert, aber die Konkurrenz war heftig, wodurch Innovation und Veränderung um die 80er herum ein sehr wichtiger Punkt wurden. Um sich inspirieren zu lassen, buchte Hatfield eine Reise nach Paris. Sein Interesse an und sein Fachgebiet in der Architektur führten ihn zum Centre Pompidou im Zentrum von Paris. Dieses Gebäude ist gewissermaßen von innen nach außen gebaut: Die Leitungen, die in verschiedenen Farben an der Außenseite des Gebäudes angebracht sind, haben unterschiedliche Funktionen. Die gelben Rohre sind zum Beispiel für Strom und die blauen für Wasser. Damals war dieses Gebäude sehr revolutionär und anders als die alten historischen Gebäude rund um das Centre Pompidou. Tinker fand den Gedanken, ein Gebäude von innen nach außen zu bauen, besonders und überlegte, wie er ihn vielleicht in einem Schuh umsetzen könnte. So entstand die Idee, die Air Unit, die normalerweise in der Sohle sitzt, sichtbar zu machen.

Nike sah das allerdings anders: Die Forschungs- und Technologieabteilung arbeitete damals daran, die Air Unit zu verkleinern. Tinkers Idee, sie zu vergrößern und sichtbar zu machen, war provokant und stieß zunächst auf taube Ohren. Viele Mitarbeiter bei Nike in Oregon dachten, Hatfield sei verrückt geworden, und meinten, Tinker sei viel zu weit gegangen. Einige versuchten sogar, ihn entlassen zu lassen, und wollten ihn aus dem Unternehmen haben. Zum Glück hatte er das Selbstvertrauen und den Mut, dieses Design durchzusetzen und die Gegner zu überzeugen. Dabei bekam Hatfield Hilfe von David Forland, dem Director of Cushioning Innovation. Es hätte nicht viel gefehlt, und es hätte nie einen Nike Air Max 1 gegeben.

Der Air Max 1 war der erste große Durchbruch von Tinker Hatfield und zugleich der erste Nike Schuh mit sichtbarer Air Unit. Dies ist jedoch nicht der einzige Schuh, den Tinker entworfen hat. Der Sommer 1987 war eine besondere Zeit bei Nike in Beaverton. Tinker konnte nicht genau sagen, was es war. Es waren nicht die Deadlines, die immer näher rückten, und auch nicht die Aktionärsversammlung, die bald stattfinden sollte. Eines Tages betrat er das Büro von Creative Director und Lead Shoe Designer Peter Moore, doch die Stimmung war seltsam. Normalerweise lief in seinem Büro laute Musik, wenn Moore am Entwerfen war, aber an diesem Morgen war es überraschend still.
Einige Wochen zuvor hatte Vice President (Nike) Rob Strasser gekündigt, was niemand hatte kommen sehen. Strasser war ein Veteran der Schuhindustrie und arbeitete fast zwei Jahrzehnte lang als Marketingguru für Phil Knight. Moore ist denn auch eine lokale Legende in Beaverton und wird manchmal „the man who saved Nike“ genannt. Zugleich ist er der Mann, der Michael Jordan für den größten Athletendeal aller Zeiten unter Vertrag nahm. Jordans Deal musste verlängert werden. Doch Rob Strasser hatte es auf Michael abgesehen und wollte ihn zu seinem neuen Arbeitgeber Sports Inc. mitnehmen. Auch Adidas war sehr interessiert. Einfach gesagt: Jordan konnte einen Athlete-Endorsement-Deal unterschreiben, wo immer er wollte.
An jenem Sommertag rief Moore Tinker in sein Büro. Moore sah frustriert aus. Skizzen des neuen Air Jordan Modells lagen überall im Büro verstreut. Peter gab Tinker ein dünnes Blatt Transparentpapier und sagte: „You do it. Design Michael Jordan’s next basketball shoe.“ Eine Woche später kündigte auch Peter Moore und hinterließ eine dünne Mappe mit Skizzen und Designs, während die Deadline für die Präsentation des neuen Jordan Schuhs immer näher rückte. Dieses neue Modell musste ein Erfolg werden, damit Jordan nirgendwo anders einen Schuhdeal unterschrieb. Das war ein sehr wichtiger Moment für die Zukunft von Nike.
Hatfield hatte noch nie an einem Air Jordan gearbeitet, geschweige denn einen entworfen. Er hatte zwei Jahre lang kaum an Sneakers gearbeitet. Doch jetzt, wo Nike nach dem Verlust seiner Design- und Marketingführung ins Wanken geriet und die Beziehung zu Jordan auf dem Spiel stand, hing für Tinker und Nike viel von diesem Schuh ab. Nike hatte nur einen Versuch, Jordan bei Nike zu halten: den Air Jordan 3, und dieses Modell lag in den Händen von Tinker Hatfield. Nike-Präsident Phil Knight kannte Tinker Hatfield nicht besonders gut und vertraute ihm nicht wirklich, weil er für Peter Moore arbeitete. Michael Jordan kannte Hatfield auch nicht; das war deshalb eines der ersten Dinge, die sich ändern mussten. Sobald Tinker konnte, buchte er einen Flug, um Jordan zu treffen. Hatfield musste verstehen, was für ein Mensch Jordan abseits des Basketballfelds war. Jordan kaufte in letzter Zeit viele teure Maßanzüge und hochwertige Lederschuhe, die dazu passten. Tinker merkte sofort, dass Jordan ein Auge für Design und Stil hatte, das für die Öffentlichkeit nicht wirklich sichtbar war und sich auch nicht in früheren Air Jordan Schuhen zeigte.
Als Jordan über die Stile und Performance-Elemente sprach, die er sich in einem Schuh wünschte, tat Hatfield etwas, das kein anderer Designer und Manager getan hatte: „He listened“. Ein Grundprinzip der Architektur besagt, dass man kein großartiges Haus entwerfen kann, ohne die Menschen zu kennen, die darin wohnen werden. Hatfield wandte das bei Jordan an. "Ich glaube nicht, dass jemals so mit Michael gearbeitet wurde", sagte er, "Ich glaube sogar, dass niemand in der Schuhindustrie es auf diese Weise gemacht hat."
Sowohl der Air Jordan 1 als auch der Air Jordan 2 waren High-Tops. In einem Gespräch mit Hatfield kam Jordan mit der Idee für einen Schuh, der weniger einengte. Mid-Tops gab es zwar, aber sie waren als Basketballschuhe nicht besonders beliebt. Sie galten als Kompromiss: weniger stabil für die Knöchel als ein High-Top. Jordan träumte jedoch von einem leichteren Schuh.
Hatfield suchte weiter nach Inspiration, wo immer er sie finden konnte. Unter den wenigen Prototypen von Moore entdeckte Hatfield etwas Spannendes. Das Foto von Jordan, mit dem die letzten beiden Schuhe beworben worden waren, diese Pose, auch Jordan-Pose genannt, hatte Peter Moore als Logo gezeichnet. Dieses Logo wurde das spätere Jordan Logo. Das Logo war in den Unterlagen vergraben und nie für die Verwendung auf Kleidung oder Schuhen gedacht. Hatfield fand es großartig und setzte es, ohne jemanden zu fragen, auf einen seiner ersten Jordan 3 Entwürfe.

Bei der Recherche nach Materialien stieß er auf wildlederartiges Nubuk mit einem Muster, das an Elefantenhaut erinnerte, perfekt für die Besätze. Er verwendete auch ein Material namens Floater, Leder, das gewalkt wurde, sodass die natürlichen Falten beim Gerben und Verarbeiten verloren gehen. Es war noch nie zuvor in Sportschuhen verwendet worden, weil gewalktes Leder weicher (und damit schwächer) werden kann. Aber Jordan wollte in jedem Spiel ein neues Paar Schuhe tragen. Das gewalkte Leder war nicht nur eine Anspielung auf Jordans Liebe zur Mode und die italienischen Lederschuhe, die er trug. Es hatte auch einen praktischen Zweck: Jordan musste den Schuh nicht einlaufen. Hatfield fertigte so schnell wie möglich ein Sample an. Ein anderer Designer, Ron Dumas, nahm das Sample unter seine Fittiche und verfeinerte Hatfields Ideen. Wie Hatfield sich erinnerte: „Niemand hat in diesen Tagen geschlafen.“
Am Tag der Präsentation des Air Jordan 3 flogen Tinker Hatfield und Phil Knight nach Kalifornien, wo Jordan Golf spielte. Als sie ankamen, trafen sie Jordans Eltern in einem Besprechungsraum an. Jordan war noch auf dem Golfplatz. Neben dem Präsidenten des Unternehmens (Nike) sitzend, spürte Hatfield den Druck, der auf ihm lastete. Was gleich passieren würde, wurde ihm langsam bewusst: "Das ist die größte Präsentation meines Lebens."
Vier Stunden später betrat Michael Jordan den Raum. Er war nicht gut gelaunt. Er hatte mit Strasser und Peter Moore Golf gespielt, die kürzlich eine unglaubliche Präsentation über die neue Marke gehalten hatten, die sie auf den Markt bringen wollten, nämlich Sport Inc. Der Deal mit Sport Inc. war schon fast unter Dach und Fach, aber Jordan wollte noch hören, was Nike zu sagen hatte. „Okay, zeigen Sie mir, was Sie entworfen haben“, murrte Jordan.
Hatfield stand auf und begann, Jordan Fragen zu stellen. Er bat ihn, sich daran zu erinnern, was er zuvor über die Höhe des Schuhs, das Gewicht, die italienischen Schuhe, die er trug, und die Ledermuster des Schuhs gesagt hatte. Hatfield begann, Jordan die Skizzen zu zeigen; zum ersten Mal hatte jemand wirklich darauf geachtet, was Jordan wollte und wie er sich den Schuh vorstellte. Jordan bat darum, das Sample des Schuhs zu sehen.
Hatfield zog ein schwarzes Tuch von einem Podest auf dem Tisch, und da stand der Air Jordan 3 mit dem zementartigen Elefantenprint. Das weiche, aber robuste Leder, die sichtbare Nike Air Bubble an der Unterseite. Ein halbhoher Schuh, der sich von praktisch jedem anderen Schuh auf der Welt unterschied. Statt eines riesigen Nike-Swooshs an der Seite war kein Nike-Branding zu sehen. Der Swoosh war nach hinten gewandert. Und oben auf der Zunge des Schuhs die Jumpman-Silhouette. Es sei ein Symbol, erklärte Hatfield.
Jordan nahm den Sneaker lächelnd in die Hand. Er hatte das Jumpman-Logo nie als etwas anderes als eine Idee gesehen. Jetzt strahlte es von den Sneakers, und Jordan fand es großartig. Aber vielleicht das Allerwichtigste: Jemand hatte einen Weg gefunden, seine Bedürfnisse als Basketballspieler und seine Ideen als Modekenner in einem einzigen Design zu vereinen, das anders war als alles andere auf dem Markt. Als Jordan anfing, über verschiedene Colorways für den Schuh zu sprechen, wusste Hatfield, dass er es geschafft hatte.
"Phil Knight glaubt, dass ich Nike an diesem Tag geholfen habe", sagt Hatfield, "Ich weiß nicht, ob das stimmt oder nicht, aber das ist seine Wahrnehmung."
So entstand der Air Jordan 3, und danach entwarf Tinker Hatfield in den Jahren nach jenem berühmten Sommer 1987 noch viele weitere Schuhe für Michael Jordan, und der Rest ist Geschichte.




